Wenn ein Hund knurrt schrillen bei den meisten Hundehaltern die Alarmglocken.

Knurren wird meist mit unvertretbarer Aggression assoziiert und oftmals nicht toleriert.

Ein Hund der knurrt hat hierfür jedoch seine Gründe, die es gilt zu analysieren und zu verstehen. Nur allzu oft wird dieses Element der hundlichen Kommunikation falsch verstanden, als „böse“ deklariert und versucht aus dem „Wortschatz“ des Hundes zu verbannen.

Leider empfinden viele Hundehalter das Knurren des eigenen Hundes als persönlichen Angriff gegen sich, sobald es an diesen adressiert ist und fühlen sich gekränkt und untergraben. Doch was ist Knurren überhaupt, was möchte der Hund uns damit sagen und wie verhältst du dich am sinnvollsten in einer solchen Situation?

Zunächst einmal sollten wir uns anschauen was Knurren tatsächlich ausdrückt.

Knurren – was ist das

Knurren ist dem agonistischen Verhalten zuzuordnen und steht somit neben Demuts-, Imponier- und Drohverhalten in direktem Zusammenhang mit Rivalität, Wettbewerb oder Konkurrenz.

Agonistisches Verhalten umfasst somit alle Verhaltensweisen, die im Kontext mit sozialen Auseinandersetzungen gezeigt werden. Sprich – Hunde knurren nicht nur untereinander, sondern kommunizieren auch mit Lebewesen anderer Arten (Menschen, Schafen, Pferden, …) in dieser Form.

Hunde knurren neben dem agonistischen Kontext auch in Situationen, die nicht konfliktbehaftet sind. So zum Beispiel auch im Spiel (hier werden alle Verhaltenssequenzen ohne Ernstbezug und Endhandlung gezeigt), wenn dein Hund dich freudig begrüßt (manche Hunde „reden“ mit ihren Menschen) oder er genüsslich brummt, wenn du ihm die Ohren kraulst. Jedoch hast du sicher schon festgestellt, dass die Knurrlaute variieren und sich kontextabhängig unterschiedlich anhören.

Ich möchte an dieser Stelle auf das Knurren deines Hundes in agonistischem Kontext eingehen.

Kommunikationsmittel

Das Knurren deines Hundes ist also, wie anfänglich erwähnt, ein artspezifisches Kommunikationsmittel, welches ein klares Ziel verfolgt. Die Distanzvergrößerung zum bedrohenden Reiz. Kaut dein Hund also aktuell seinen Lieblingsknochen, du näherst dich und er knurrt, verfolgt er hiermit das Ziel, dass du dich vom Knochen entfernst.

Er möchte also Distanz zwischen dich und sich samt Knochen bringen.

Knurrt dein Hund in Hundekontakten möchte er dem Gegenüber mitteilen, dass die aktuelle Distanz zwischen ihm und dem anderen Hund für ihn gerade zu gering ist.

Knurren ist den Drohgesten zuzuordnen und kann somit noch einmal in defensiv und offensiv unterteilt werden. Ein Hund der defensiv droht, möchte Bedrohungen passiv abwehren, hingegen ein Hund der offensiv droht, Bedrohung durch einen Angriff aktiv abwehren möchte.

So weit so gut. An dieser Stelle wissen wir zunächst einmal, welche Funktion das Knurren unserer Hunde hat, nämlich Gefahren / Angriffe / Bedrohungen auf Leib und Leben, Ressourcen, Sexualpartner, … abzuwenden – die Distanz zwischen sich und der Bedrohung zu erhöhen.

Fest steht also auch, dass ein Hund, der knurrt sich aktuell nicht in bester emotionaler Verfassung befindet. Abhängig von der Situation basiert Knurren auf der Emotion „ANGER“ (Wut) oder „FEAR“ (Angst) – beides fühlt sich keineswegs gut an für deinen Hund.

Eskalationshierarchie

Der Idealfall wäre, wenn dein Hund in Situationen, in denen er sich unwohl fühlt, eine hierarchische Abfolge an Zeichen zeigen würde, die dem Gegenüber kleinschrittig mitteilen, dass er hier nicht erwünscht ist.

So zeigen Hunde meist zunächst Beschwichtigungssignale wie:

  • Nasenspiegellecken
  • ausweichen
  • sich kratzen

…, um Spannung aus der unangenehmen Situation zu nehmen und dem Gegenüber mitzuteilen, dass eine größere Distanz aktuell sinnvoll wäre.

Nimmt der Gegenüber dies jedoch nicht wahr, oder reagiert unangemessen mit einer Distanzverkleinerung hierauf, wird der sich bedroht fühlende Hund massiver werden und Ersatzhandlungen zeigen wie:

  • ins Gras beißen
  • in die Leine beißen
  • Stöcke knacken

Sollten auch diese Signale „übersehen“ werden, ist der Hund gezwungen noch deutlicher zu zeigen, dass das Gegenüber nicht erwünscht ist, indem er zum Beispiel:

  • einfriert und entweder teilweise oder vollständig bewegungslos verharrt (Freeze)
  • beginnt zu wuffen oder zu bellen
  • sich abzuducken und sich anzuschleichen

Wenn auch jetzt noch keine angemessene Reaktion des Gegenübers erfolgt, steigt der Hund nun auf die nächste Stufe und versucht es mit zum Beispiel:

  • Knurren
  • Fixieren
  • Zähne zeigen
  • Drohschnappen

Bis im Extremfall Bisse in unterschiedlicher Intensität unvermeidbar sind.

Wenn du dir diese Leiter der Zeichen einmal vor Augen führst bemerkst du vielleicht, dass dein Hund bevor er knurrt eine Menge anderer Signale sendet, die ausdrücken, dass er es für eine weniger gute Idee hält die Distanz zwischen ihm und der Bedrohung zu verkleinern.

Diese Eskalationshierarchie kannst du dir im Ampelschema vorstellen – je massiver die Zeichen deines Hundes, desto röter der Bereich, in dem sich dein Hund auf der Leiter der Zeichen befindet.

ein Beispiel

Dein Hund kaut einen Knochen – du näherst dich deinem kauenden Hund.

Möglicherweise zeigt er folgende Verhaltensweisen, je näher du auf ihn zuläufst:

  • sich über den Fang schlecken
  • sich samt Knochen wegdrehen
  • die Pfote auf den Knochen legen
  • einfrieren und aufhören zu kauen
  • dich von unten nach oben anschauen ohne den Knochen loszulassen
  • KNURREN

In unserem Beispiel zeigt der Hund also 5 Sequenzen, die wir wahrnehmen konnten und hätten angemessen darauf reagieren können.

Knurren erhalten

Wenn du dich nun an die Eskalationshierarchie erinnerst, siehst du, dass ein Hund bevor er zum Äußersten greift eine Vielzahl an Verhalten zeigt, die es dem Gegenüber möglich machen angemessen mit einer Distanzvergrößerung zu reagieren.

Knurren ist eine Sequenz hiervon, die unbedingt erhalten werden sollte.

Was passiert, wenn du das Knurren deines Hundes unterbindest oder gar bestrafst?

Dein Hund empfindet die jeweilige Situation deshalb nicht weniger bedrohlich, gewöhnt sich jedoch ab, dies seinem Gegenüber durch Knurren mitzuteilen. Eine wertvolle Stufe auf unserer Leiter würde also somit gelöscht werden – der Hund zeigt nach dem beispielsweise Abducken also demnächst gleich ein „nach vorn Schießen“ und Drohschnappen oder schlimmer.

Dass das Knurren eine Stufe im Drohverhalten deines Hundes ist, die wir unbedingt erhalten müssen ist an dieser Stelle also eindeutig.

Knurren belohnen

Geht es jetzt nicht ein bisschen zu weit, wenn ich sage, dass du zukünftig das Knurren deines Hundes belohnen solltest?

Ganz und gar nicht, denn wie wir eingangs schon festgestellt haben, fühlt sich dein Hund in den Situationen, in denen er knurrt nicht gut (überfordert, gefrustet, wütend, hilflos, bedrängt, …). Fügst du nun jedoch eine belohnende Handlung hinzu indem du ihn mittels Markersignal (positiv aufgebautes Signal, das eine Belohnung ankündigt), netten Worten, Spielangebot, Futter, … unterbrichst, implizierst du sofort positive Gefühle bei deinem Hund. Und das beste daran – er kann sich nicht dagegen wehren.

Wie würde es sich für dich anfühlen, wenn du gerade eine nervtötende Auseinandersetzung mit deinem verständnislosen Nachbarn austrägst, dein Blut zu kochen beginnt und dich just in diesem Augenblick deine beste Freundin mit deinem Lieblingskuchen unter dem Arm begrüßt. Sofort fühlst du dich besser und die Auseinandersetzung mit deinem Nachbarn ist gleich weniger schlimm, weil du dich weniger schlecht fühlst.

Gehen wir einen Schritt weiter und stellen uns vor, dass deine beste Freundin ab sofort immer in für dich unangenehmen Situationen mit Kuchen unter dem Arm auftaucht…

Die Konsequenz wäre, dass du dich zukünftig in unangenehmen Situationen mehr und mehr darauf konzentrieren würdest, wo nun die helfende Freundin erscheint, um deine Gefühle zu verbessern.

Belohnst du deinen Hund also immer fürs Knurren schaffst du nach und nach eine Strategie für deinen Hund. Fühlt er sich schlecht wird er sich demnächst viel schneller zu dir orientieren, weil er weiß, dass du ihm helfen kannst und wird somit weniger schnell eskalieren.

Wichtig hierbei ist natürlich immer, dass sich die Distanz zur ausgemachten Bedrohung nicht verkleinert, da dies wieder negative Gefühle implizieren würde.

Belohne deinen Hund und verlasse die Situation so weit, bis sie nicht mehr als schlimm für deinen Hund bewertet wird.

Sicherheit schaffen

Gehst du nun immer so vor, dass das Knurren deines Hundes belohnt wird, wirst du feststellen, dass dieser zukünftig deutlich weniger knurren wird, weil er sich von allein aus schwierigen Situationen heraus bewegen kann. Die Sicherheit, dass du die Freundin mit dem Lieblingskuchen für deinen Hund bist wird dazu führen, dass dein Hund demnächst schon bevor er knurrt deinen Kontakt sucht und sich selbst aus brenzligen Situationen heraus befördern kann.

Das schafft Sicherheit bei dir und bei deinem Hund.

persönlicher Angriff

Wie verhält es sich nun jedoch mit dem Knurren, dass an dich persönlich adressiert ist?

Ganz genau so. Dein Hund fühlt sich oder seine Ressource (Futter, Spielzeug, …) durch dich bedroht und möchte dir durch das Knurren mitteilen, dass du nicht näher kommen sollst.

Hier auch belohnen?

Auf jeden Fall!

Warum? Ein Beispiel:

Dein Hund knurrt dich an, wenn du versuchst seine Krallen zu kürzen.

Er teilt dir mit, dass er Angst hat, Krallen kürzen nicht mag, weiter schlafen möchte, …

Welche Möglichkeiten hat er außer der Flucht oder dem Biss in deine Hand dir dies mitzuteilen?

Keine! Prima, dass er knurrt, oder?

Als mich mein Hund damals anknurrte, als ich ihm seine Krallen kürzen wollte, war ich zu tiefst gekränkt und erschüttert. Es verletzte mich und ich brauchte einige Minuten, um zu realisieren und sachlich zu erkennen, dass er Angst vor der Zange hatte und seine Möglichkeiten mir das mitzuteilen arg begrenzt waren.

Nimm es also nicht persönlich oder werte es als Angriff gegen dich, wenn dein Hund dich anknurrt. Reagiere lieber mit einer angemessenen Antwort hierauf und überlege, wie du die jeweilige Situation zukünftig trainieren kannst.

Wir haben damals einige Tage aufgewandt, um die Krallenzange kennen und akzeptieren zu lernen.

Knurren durch Belohnen verstärken?

Viele Hundehalter haben nach wie vor Angst das Knurren durch eine folgende Belohnung zu verstärken.

Diese Angst kann ich dir nehmen.

Knurren ist ein Verhalten – wie eine Blume, welches aus einer Emotion entspringt – ähnlich einer Wurzel.

Keine Blume ohne Wurzel – kein Verhalten ohne Emotion.

Wenn du nun versuchst die Blume abzureißen (das Knurren abzustellen durch ignorieren oder bestrafen) wird diese immer wieder austreiben aus ihrer unveränderten Wurzel (Emotion). Sinnvolles Hundetraining beginnt jedoch bei der basierenden Emotion. Es ist also deine Aufgabe die Wurzel, die Emotion deines Hundes zu verändern, damit sich das Verhalten (in unserem Fall das Knurren) verändern kann.

Belohne also kräftig und minimiere die Bedrohung in der jeweiligen Situation für deinen Hund, um die vorherrschende Emotion zu verbessern.

Fazit

Fassen wir also zusammen – das Knurren deines Hundes ist ein erwünschtes Frühwarnzeichen in konfliktbehafteten Situationen deines Hundes und sollte somit nicht weggestraft oder ignoriert werden. Auch alternativlose Abbruchsignale wie „nein“ (siehe: warum du „nein“ vermeiden solltest), „aus“, Zischaute, … fördern die vorherrschenden negativen Gefühle deines Hundes und sollten somit vermieden werden.

Bestärke und Belohne deinen Hund lieber für seine tolle Kommunikation und zeige ihm Wege und Strategien aus dem Konflikt.

Hab keine Angst, das Knurren durch Belohnen zu verstärken. Du förderst hierdurch positive Gefühle und schaffst Bewältigungsstrategien.