Ein sehr häufiger Anlass meines Jobs ist es, die Ängstlichkeit bei Hunden in bessere Bahnen zu lenken. Ihnen so gut wie möglich die Ängste zu nehmen, Lösungsstrategien zu zeigen und dem jeweiligen Hund-Menschen Team den Alltag wieder ein Stück lebenswerter zu machen. Ängste bei Hunden sind leider nicht selten. Hervorgerufen durch schlechte oder keine Erfahrungen, Überforderung, Schreckerfahrungen, Krankheiten und vieles andere. Die Ängste sind meist weitreichend und ziehen große Kreise. Eine konkrete Angst vor bestimmten Reizen wie anderen Hunden, fremden Menschen oder klappernden Fahrrädern treibt viele Hundehalter nicht selten in die Verzweiflung.

Im besten Fall beginnt hier schließlich ein kleinschrittiges und geduldiges Training mit dem lieben Vierbeiner und seinem Menschen.

Gegenkonditionierung

Das Training gegen die Angst sieht in der Regel eine Gegenkonditionierung vor, welche darauf abzielt, die negativ konditionierten Reize umzukonditionieren.

Das heißt – ein Reiz ist aktuell für deinen Hund vielleicht negativ verknüpft …

Mensch heißt:

1. mein Mensch nimmt die Leine kurz

2. der fremde Mensch kommt mir zu nah

3. ich habe Angst und kann nicht weg)

… und soll nun positiv verknüpft werden zu

Mensch heißt:

  1. mein Mensch weicht mit mir aus
  2. ich bekomme ein Leckerli
  3. mein Mensch lässt die Leine locker

Denn erst, wenn der negativ verknüpfte Reiz positive Gefühle auslöst kann das eigentliche Training erst beginnen. (siehe auch: warum du knurren belohnen solltest)

Mantrailing

An dieser Stelle kommt das Mantrailing ins Spiel.

Beim Trailen sucht der Hund einen versteckten (fremden) Menschen anhand dessen Individualgeruchs auf der hinterlassenen Spur (Trail). Der gefundene Mensch belohnt den Hund dafür ausgiebig mit einer sehr hochwertigen Ressource (meist Futter, oder Spiel).

Durch diese Kette an Verhalten konditionieren wir den fremden Menschen also automatisch gegen und machen ihn zu einem positiven Reiz für den Hund.

Doch nicht allein die Belohnung am Ziel wirkt positiv.

Beim Trailen geht der Hund einer Vielzahl an Dingen nach, die er von sich aus, als intrinsische Motivation, gern macht.

So bereitet es den meisten Hunden große Freude einer Spur nachzugehen, um zu schauen, wo diese entlangläuft, wo sie endet und was sich Spannendes am Ende befindet.

Schnüffeln ist ein selbstbelohnendes Verhalten, was von ganz allein zur Ausschüttung von Glückshormonen führt. Für die meisten Hunde ist auch das „Ziehen dürfen“ und das „Richtung entscheiden dürfen“ selbstbelohnend und positiv. Wann folgt Frauchen oder Herrchen denn sonst schon einmal einer straffen Leine über Stock und Stein?!

Die versteckte Person am Ende des Trails mit der angebotenen Superüberraschung tut dann ihr Übriges.

Mythen

Trotz der Vielzahl an positiven Nebeneffekten des Trailens (neben der artgerechten Auslastung und dem Spaßfaktor für beide Enden der Leine) begegne ich jedoch immer wieder Menschen mit Vorurteilen dem Trailen gegenüber, welche meist erst nach der ersten Traileinheit aus der Welt geschafft werden können.

Warum ist das so?

Trailen und seine positive Wirkung auf Hund und Mensch steht und fällt natürlich mit der Art und Weise des Trainings. Aus diesem Grund ist es unendlich wichtig, den richtigen Trainer am seiner Seite zu haben – gerade bei ängstlichen Hunden!!!!

Mythos Nummer 1: der Hund lernt an der Leine zu ziehen

Hunde, die im Alltag unter ihrer Angst leiden stehen zwangsläufig unter einem enormen Stress. Leinenführigkeit ist hier meist nur sehr schwer zu trainieren, da der Hund oft viel größere Probleme hat, als nicht an der Leine zu ziehen.

Wenn ich Hunde mit massiver Angst im Training habe lege ich keinen Wert auf Leinenführigkeit, da dies eine Extraportion Stress für den Hund bedeuten würde.

Für die Besitzer ist das meist demotivierend, weil ein leinenführiger Hund um einiges einfacher zu handeln wäre.

Kommen diese Menschen nun mit ihren ziehenden Hunden ins Training merken sie schnell, dass sich das „gegen die Leine Gehen“ auch positiv anfühlen kann. So zum Beispiel, wenn der sonst so ängstliche Hund selbstbewusst nach vorn geht und die versteckte Person zu suchen beginnt.

Die Hunde lernen schnell wann ein Ziehen erwünscht ist und wann eher nicht – wie im Alltag zum Beispiel. Dieser Unterschied wird dem Hund auch mittels zahlreicher Signale schnell klar.

Wenn der Hund 1-2 Mal in der Woche also „erlaubt“ ziehen darf befriedigen wir hier ein Bedürfnis und es wird viel einfacher für uns Hundebesitzer dem Hund zu vermitteln, dass ansonsten nicht gezogen werden sollte. Der ängstliche Hund, der zieht, weil er gestresst ist, wird im Alltag immer weniger ziehen, weil die Angst sich legt, er selbstsicherer wird und entspannter laufen kann als vor dem Trailen.

Mythos Nummer 2: der Hund lernt andere Menschen anzuspringen

Auch dieser Mythos lässt sich schnell entkräften. Hunde springen meist aus Frust, zu viel Energie, mangelnder Impulskontrolle, …

Alles das sind Punkte, die wir durch ein durchdachtes Trailen automatisch mittrainieren. So kann ein artgerecht ausgelasteter Hund seine Energie besser verwalten und einteilen, ist nicht mehr so aufgeregt und hat sich insgesamt viel besser unter Kontrolle. Der ängstliche Hund, der Menschen anspringt, weil er sie vertreiben möchte empfindet den fremden Menschen nicht mehr als negativ – die Springmotivation lässt also auch hier nach.

Im weiteren Verlauf des Trainings wird ein Anzeigeverhalten etabliert. So zeigt der Hund später etwa durch Sitzen, Liegen, Bellen, … an, dass er den gesuchten Menschen gefunden hat.

Mythos Nummer 3: der Hund wird überfordert und gestresst (durch den Zug auf der Leine, durch die Suche an sich, …)

Wichtig ist ein kompetenter Trainer, der weiß was er tut. Stress, Druck und Zwang haben im Mantrailing nichts verloren. Im Vordergrund muss die Motivation des Hundes stehen, denn nur so wird dieser gut, gerne und zuverlässig suchen.

Hunde, die sinnvoll aufgebaut wurden, mit Spaß bei der Arbeit sind, ihren Menschen hinten an der Leine als Partner sehen und nicht als „Treiber“ und denen Trails gelegt werden, die sie tatsächlich auch lösen können, werden weder gestresst noch überfordert.

das Gute für den Menschen

Oftmals verzweifeln Hundebesitzer mit ihren ängstlichen Hunden. Der Alltag muss meist haarklein überdacht werden, Familienfeste können oft nicht besucht werden, weil der Hund der Situation nicht gewachsen wäre, Freunde kommen oftmals auch zu kurz, weil der Hund die Nähe der fremden Menschen nicht ertragen könnte.

Wenn Menschen mit ängstlichen Hunden zum Trailen kommen beginnen sie ihren Hund wieder mit anderen Augen zu sehen. Sie sehen Fortschritte, Besserungen, Hoffnung und Freude beim Hund. Sie sind wieder stolz auf ihren Hund und dessen Leistung. Die Entwicklungen „meiner“ Angsthunde beschert mir jedes Mal aufs Neue einen dicken Kloß im Hals. Es ist toll dabei sein zu dürfen, wenn ein Hund jede Woche mutiger wird und sich am Ende sogar über fremde Menschen freut. Das Training verändert nicht selten den gesamten Alltag der Teams und läßt so manchen Vierbeiner mental wachsen.

wie du einen guten Trainer erkennst

  • er erfragt zunächst eure Geschichte (Probleme im Alltag, Ängste, Thematiken, …)
  • er klärt die Besonderheiten deines Hundes ab (Krankheit, Alter, Eigenarten, …)
  • er klärt deine Anliegen und Wünsche ab
  • er passt die Trails an dich und deinen Hund an
  • du fühlst dich immer gut informiert und „mitgenommen“
  • der Hund wird positiv geführt (ohne Schreckreize, Gewalt, Druck, Zwang, …)
  • der Trainer begleitet jeden Trail
  • der Hund läuft maximal 2 Trails (bei schwierigen Trails maximal 1 Trail) pro Training
  • dein Hund kann frei entscheiden, ob er zur versteckten Person hingehen möchte  (wenn er nicht hingehen möchte, wird das Training angepasst)

Ich habe mich dem K9® Suchhundenetzwerk angeschlossen. Hier findest du einen kompetenten Trainer in deiner Nähe.

Fazit

Gerade ängstliche Hunde profitieren meist stark vom Mantrailing. Das Trailen verbindet zahlreiche Faktoren effektiven Trainings bei Angsthunden. Artgerechte Auslastung, die systematische Gegenkonitionieren des negativ verknüpften Reizes sowie die Steigerung der Bindung zwischen Hund und Mensch schafft für mich eine perfekte Ergänzung zum Training bei Angst.

Achte darauf einen kompetenten Trainer an deiner Seite zu haben, der über Belohnung und Motivation arbeitet, dann wirst du und dein Hund von eurer neuen Beschäftigung enorm profitieren.