Hast du das auch schon einmal gehört: „Hunde klären das unter sich?“ Gemeint ist hier die Konfliktlösung unter Hunden im sozialen Kontext. Eine Vielzahl an Hundehaltern geht davon aus, dass man Streitigkeiten unter Hunden nicht unterbrechen sollte. Man soll die Hunde ihre Konflikte selbst austragen lassen. Doch ist das wirklich eine gute Idee? Sollte man Hunden diese große Aufgabe übertragen und vor allem – sind Hunde überhaupt fähig diese soziale Herausforderung zu bewältigen?

Konflikte

Beginnen wir zunächst einmal damit zu klären was ein Konflikt eigentlich ist. Es gibt eine Vielzahl an Kategorien, in die man Konflikte einteilen kann. Konflikte unter Hunden fallen in die Kategorie „intraspezifische Konflikte“, weil sie zwischen zwei Vertretern der selben Art bestehen. Konflikte, ob mit sich selbst (soll ich hin- oder weglaufen) oder zwischen mindestens zwei Individuen definieren sich immer durch konkurrierende Motivationen. Das heißt – Hund 1 möchte seinen Knochen kauen – Hund 2 jedoch mit Hund 1 spielen. Diese beiden Motivationen konkurrieren miteinander. Sie sind nicht miteinander zu vereinbaren.

Konfliktlösung – Idealfall

Der Idealfall sieht so aus – beide Hunde können als hochgradig sozial kompetent beschrieben werden. Sie besitzen die Fähigkeit sehr fein mit anderen Hunden zu kommunizieren. Jegliche Beschwichtigungs- oder Konfliktzeichen des Gegenübers werden sofort erkannt und der sozial kompetente Hund antwortet sofort mit Deeskalation hierauf. Konflikte zwischen beiden Hunden würden so im Keime erstickt werden – dieser Idealfall würde dazu führen, dass man Hunde tatsächlich „machen lassen“ könnte. Diese Hunde würden unsere Hilfe nicht benötigen, um eine Konfliktlösung zu erzielen, die für alle Seiten annehmbar wäre. Dies ist jedoch die absolute Ausnahme. Seltener kann man diesen beschriebenen Idealfall bei sich fremden Hunden, öfter bei sich bekannten Hunden beobachten.

Realität – Konflikte zwischen fremden Hunden

Die Realität sieht jedoch etwas anders aus. Im wahren Leben treffen Hunde unterschiedlicher Herkunft, Erziehung, Hintergründe, Motivationen, Erfahrungen, … aufeinander. Hinzu kommt, dass Hunde meist fremd aufeinander treffen. Sie kennen das Gegenüber oftmals nicht. Sie können somit nicht aus Erfahrungen schöpfen und gehen von vorn herein mit einem gewissen Sicherheitsaspekt in Konflikte. Jeder Hund hat seine eigenen Baustellen – sei es die Ressourcenverteidigung (alles meins); die Angst vor großen Hunden; die Jagdmotivation, wenn ein kleiner Hund schnell wegläuft; das Bedürfnis nach großer Distanz zu Menschen; …

All diese Motivationen und Erfahrungen beeinflussen unsere Hunde. In wieweit uns fremde Hunde gelernt haben mit Konflikten umzugehen wissen wir nicht und pokern somit hoch, wenn wir unseren Hund nicht unterstützen.

Konfliktpotential

Ziel muss es sein, Konflikte zwischen Hunden so schnell wie möglich nett zu unterbrechen und zu managen. Konfliktpotential wie Ressourcen (Bälle, Futter, Stöcke, …) können und sollten mit Bedacht gehandhabt werden. So sollte Spielzeug oder Futter niemals zwischen die Hunde geworfen werden, denn sei es noch so nett gemeint – hier sind Konflikte vorprogrammiert. Wenn dein Hund keine großen schwarzen Hunde mag, wäre es ratsam deinen Hund nicht in den direkten Kontakt mit einem solchen zu lassen, da hier die Überforderung deines Hundes und ein folgender Konflikt sehr wahrscheinlich ist.

bekannte Hunde

Wie verhält sich die Sache der Konflikte in bekannten Hundegruppen? Ich habe beobachtet, dass sich Konflikte unter sich bekannten Hunden häufig selbst klären, da die Hunde sich einschätzen können und die Fähigkeit entwickeln individuell auf das Gegenüber einzugehen. Die Hunde drohen meist kurz und gehen dann schlichtend auseinander. Dieses Verhalten sollten wir als Hundehalter stets belohnen.

Aber Vorsicht: Nicht jeder Konflikt zwischen sich bekannten Hunden verläuft ohne unser Zutun annehmbar. 

Beispiel:

Wir waren vor Kurzem mit einem befreundeten Hund und dessen Besitzer im Urlaub. Malik bevorzugt eine größere Distanz zu anderen Hunden – der andere Hund sucht jedoch Nähe und Kontakt. Hier konkurrieren zwei Motivationen. Malik ist mit fast 4 Jahren nun bereits in der Lage seine Grenzen klar zu kommunizieren. Das belohne ich und gebe ihm stets Feedback für seine tolle Kommunikation. Der kleine Hund jedoch war nicht in der Lage diese Grenzen zu realisieren und überschritt diese stetig, was Malik dazu veranlasste deutlicher zu werden.

Wenn ich dieses Szenario jetzt laufen gelassen hätte, in der Hoffnung, dass die beiden ihren Konflikt schon unter sich klären würden, hätte Malik immer massiver werden müssen, um dem kleinen Hund seine Grenzen aufzuzeigen. Jetzt könnte man meinen, dass das ein guter Weg sei, denn der kleine Hund müsse es eben lernen. ABER: Dass der kleine Hund Maliks’ Grenzen nicht annehmen konnte hängt von verschiedenen Faktoren in seinem Leben ab (Alter, zur Verfügung stehender Raum, familiärer Stress, Erregungszustand, Impulskontrolle, Erziehung, …). Auch wenn Malik ihm sehr deutlich gezeigt hätte, dass der kleine Hund Grenzen überschritten hat, würde er doch nichts lernen aus einer Eskalation.  Im schlechtesten Fall würde er eine Angst-, Aggressionsproblematik gegenüber anderen Hunden entwickeln und sein generelles Erregungslevel gegenüber anderen Hunden würde wahrscheinlich stark ansteigen.

Und Malik? Hätte er 10 Minuten erfolglos nett versucht seine Grenzen abzustecken, dann aber mit einem beherzten Pfotenstoß auf den Rücken des kleinen Hundes einen schnellen Erfolg erzielt, stellt sich die Frage, welche Taktik er im nächsten Konflikt anwenden wird… Sicher würde er sich demnächst nicht mehr mit 10 Minuten erfolglosem Drohen aufhalten.

Ziel

Ziel sollte es also sein, den Hunden zu lehren Konflikte so schonend wie möglich für alle Seiten zu lösen. Sollte dies durch verschiedene Umstände nicht möglich sein, bist du als Hundehalter gefragt die Situation soweit zu verändern, dass eine Konfliktlösung stattfinden kann. Im Fall von Malik und dem kleinen Hund griff ich auf ein Türgitter zurück, welches Malik seine Distanz zum kleinen Quälgeist gewährleistete und diesem wiederum die Möglichkeit nahm sich hochzuschaukeln.

Solltest du jeden Konflikt sofort unterbrechen?

Ich bin kein Freund davon, alle Konflikte sofort zu unterbrechen und umzulenken, da hier kein soziales Lernen stattfinden kann und ich als Halter immer aktiver Teil der Konfliktlösung bin. Jedoch bin ich, wie schon erwähnt, auch kein Freund davon, Hunde alle Konflikte selbst austragen zu lassen. Denn Konflikte schonend lösen zu können ist eine Fähigkeit, die erst erlernt und gefördert werden muss. Kein Hund kommt mit dieser Fähigkeit auf die Welt und braucht zweifelsohne unsere Unterstützung.

Hunde beobachten

Doch anhand welcher Kriterien entscheidest du nun am besten, wann du den Konflikt deines Hundes mit anderen Hunden unterbrechen solltest?

Zunächst einmal solltest du beobachten, wie dein Hund in konfliktfreien Situationen aussieht. Sicher kannst du ihn als sichtbar gelöst, locker, freundlich beschreiben. Doch wodurch entsteht dieser Eindruck?

Hunde, die entspannt wirken zeigen 

  • einen lockeren Muskeltonus
  • weiche kurvige Bewegungen
  • lockere Gesichtszüge
  • eine entspannte Rutenhaltung (Rutenansatz unter Rückenlinie – außer bei rassebedingten Ausnahmen)
  • lockere, mittige Ohrenhaltung / Ohrenspiel

Befindet sich dein Hund nun in einem sich anbahnenden Konflikt wirst du feststellen, dass die Lockerheit deines Vierbeiners zunehmend abhanden kommt. Er wird vielleicht steifer laufen, einfrieren, schleichen, die Rute hoch tragen (Rutenansatz über Rückenlinie), den Fang schließen, sich ab und an vielleicht über den Nasenspiegel lecken, sich schütteln, … – Spätestens hier solltest du deinen Hund unterstützen.

„… das machst du super!“

Sobald du bemerkst, dass dein Hund in einen sozialen Konflikt schlittert ist es Zeit für dein Markerwort und verbales Lob (Bitte wirf deinem Hund kein Futter oder Spielzeug zu, dies kann als Initialzündung zwischen den Hunden wirken). Du implizierst durch dein Markersignal (Warum du mit Markersignalen besser trainierst) also schon einmal positive Gefühle bei deinem Hund – die können in einem Konflikt ja nie schaden 😉 Unterstütze deinen Hund stets verbal und ruhig.

Beobachte die Hunde und belohne alles das (verbal!!!), was zur Deeskalation beiträgt (sich wegdrehen, weggehen, sich setzen, sich parallel stellen, beschwichtigen, …)

Orientiert sich dein Hund schließlich weg vom Gegenüber und löst sich aus dem Konflikt kannst du (wenn es die Situation zulässt) Futter oder Spielzeug WEG vom anderen Hund werfen. Du schürst damit die Erwartungshaltung bei deinem Hund ‚weg vom anderen Hund ist immer eine gute Idee‘

finde einen guten Mittelweg

Vermeide zu stark ins Geschehen einzugreifen. Eingriffe durch Hineingreifen und aktives Herausnehmen der Hunde sollten gut abgewogen werden, da dies zum einen negative Emotionen in eine eh schon angespannte Situation bringt, zum anderen die Handlungsfreiheit des betroffenen Hundes stark einschränkt.

Sicher gibt es Situationen, in denen ein ins Geschirr greifen sinnvoll sein kann. Dies sollte jedoch vorher gut aufgebaut werden, und nicht nach dem Motto „zack, ich hab dich“ erfolgen, da ein Erschrecken der Hunde in Konflikten in plötzlicher Aggression gegen dich oder den anderen Hund münden kann.

Gehe also ruhig vor, wenn du ein Hineingreifen situativ für sinnvoll erachtest. Kündige dein Hineingreifen an und positioniere dich seitlich zu deinem Hund. Begleite dein Vorgehen mit deinem Markersignal und einem positiv aufgebauten Verhaltensangebot („wir gehen weg“, „ setz dich hin“, …) sowie stetigem verbalen Loben.

Dieses Vorgehen kann bei jungen Hunden sowie Hunden, die im sozialen Kontext noch etwas ungeübt sind von Vorteil sein. Versuche diesen Weg der aktiven Konfliktlösung durch dich jedoch gut abzuwägen und situativ zu entscheiden. Nicht ein Konflikt ist wie der andere…

Ich persönlich halte einen Geschirrgriff nur dann für sinnvoll, wenn der betreffende Hund mit einer Konfliktlösung überfordert wäre und eine solche eher unwahrscheinlich ist.

Prügelknabe

Wie sieht es jedoch aus, wenn du auf der Hundewiese stehst und dein Hund einen anderen Hund mobbt. Ihm hinterher rennt, ihn jagt, schneidet und umrennt…

In solch einem Fall ist es wichtig, dass du deinen Hund sofort zurück pfeifst und alles in Bewegung setzt, um das Mobbingopfer zu retten. Unsichere Hunde neigen häufig dazu soziale Unsicherheiten in Mobbing schwächerer Hunde zu kanalisieren. Solch eine Situation können wir unter keinen Umständen sich selbst überlassen und hoffen, dass die Hunde diesen Konflikt allein lösen. Die Hunde sind in diesem Fall nicht in der Lage diese Situation selbst aufzulösen. Der schwächere Hund steht meist unter starkem Stress und hat große Angst – ist mit der Situation restlos überfordert und findet keinen Ausweg aus der verfahrenen Situation. Bitte überlasse deinen Hund (egal, ob Prügelknabe oder „Täter“) in solch einer Situation niemals sich selbst!!

Malik war eben solch ein Fall. Zu Beginn rannte er mit seinen 45kg alles über den Haufen, was vier Beine hatte und annähernd wie ein Hund aussah. Solche Szenarien sind für alle Beteiligten sehr unschön und können bei dem gejagten Hund schwere psychische Schäden anrichten. Wichtig ist hierbei Verantwortung für den eigenen Hund zu übernehmen und in der Lage zu sein, diesen kontrollieren zu können. Es macht Sinn ein kleinschnittiges Training zu beginnen, was darauf abzielt einen Lösungsmechanismus beim Hund zu verankern, auf den er in Konfliktsituationen zurückgreifen kann. In unserem Fall erwies sich ein Entspannungstraining im Beisein anderer Hunde und stetiges Kontakttraining mit anderen Hunden als sinnvoll.

Fazit

Hunde brauchen in Konflikten zu anderen Hunden meist unsere Unterstützung. Sei es durch verbales Loben, alternative Verhaltensangebote oder das Managen der jeweiligen Situation.

Für wichtig halte ich es jedoch, dass du deinem Hund die Möglichkeit einräumst, eine selbstständige und annehmbare Konfliktlösungsstrategie zu erlernen.

Beobachte deinen Hund und die jeweilige Situation gut, um entscheiden zu können, ob dein Hund die herrschende Auseinandersetzung selbst lösen kann, oder ob es sinnvoller ist aktiv einzugreifen. Wichtig bei deiner Entscheidung ist immer:

  • Reagiert der andere Hund angemessen auf die Zeichen deines Hundes?
  • Reagiert dein Hund angemessen auf die Zeichen des anderen Hundes?
  • Ist eine umgehende Konfliktlösung wahrscheinlich?

Löse den Konflikt aktiv (durch Geschirrgriff, alternatives Verhaltensangebot, …) wenn du bei nur einer Frage im Zweifel bist. Finde einen guten Mittelweg zwischen ‚ich helfe dir‘ und ‚du schaffst das allein‘. Denn jede erfolgreiche Konfliktlösung macht deinen Hund ein Stück sicherer im Umgang mit sozialen Auseinandersetzungen.